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Buchtipp: Robin Wall Kimmerer: Geflochtenes Süßgras


Robin Wall Kimmerer, Foto von Dale Kakkak

Schon der erste Satz ihres Vorworts ist ein Geschenk:

„Strecken Sie die Hand aus und lassen Sie mich ein Bündel frisch gepflücktes Süßgras hineinlegen, locker und luftig, wie frisch gewaschenes Haar.“

Die Autorin Robin Wall Kimmerer führt mit diesem Satz die zentralen Themen ein, um die ihr Buch immer wieder kreist: Das Thema des Schenkens und der Großzügigkeit, das Thema der Beziehung und Gegenseitigkeit, das Thema der tiefen Verbindung, die sie zu Pflanzen und allem Lebendigen hat. Und nicht zuletzt: Dass alle Geschichten, die sie erzählt, immer auch wie ein Gleichnis für einen größeren Zusammenhang gelesen werden können.


Robin Wall Kimmerer ist Mitglied der indigenen Potawatomi Nation, sie ist Botanikerin mit einer Professur an der State University of New York und sie ist eine begnadete Geschichtenerzählerin.


In ihrem Buch geht es um nichts weniger als die Frage, wie wir unsere Beziehung zum Land, zur Erde neu denken, erzählen und gestalten können, sodass Mensch und Natur füreinander gute Medizin sein können. Kimmerer plädiert dafür, andere, neue Geschichten zu erzählen. Geschichten, die an die tiefe und uralte Beziehung erinnern, die die Menschen und die Erde zueinander haben. Geschichten, die uns ermutigen, in einem tiefen Bewusstsein gegenseitiger Abhängigkeit und einer tiefen Dankbarkeit für die Großzügigkeit und Weisheit der Natur für sie Verantwortung zu übernehmen.

Und so erzählt sie diese anderen Geschichten und lässt uns großzügig teilhaben am alten indigenen Wissen. Sie erzählt alte Mythen, die von der Verbundenheit zwischen Mensch und Natur berichten oder vor maßloser Gier warnen. Sie berichtet von ihrem sich Verbinden mit ihren Wurzeln, davon, wie sie ihre Muttersprache wieder lernt, wie sie sich in alte Kulturtechniken wie dem Körbeflechten versucht und sie erzählt auch von den Versehrtheiten der indigenen Familiengeschichten und der Zerstörung ihres Landes. Sie bietet aber auch Rituale an, die heilsam sind, so wie das gemeinsame Danken für alles, was die Natur bereit hält, das in vielen indigenen Gesellschaften bekannt ist. Oder sie erinnert an das Prinzip der „ehrenhaften Ernte“, das von großem Respekt, von tiefer Dankbarkeit und vom rechten Maß bei der Ernte geprägt ist.


Als Wissenschaftlerin erklärt sie immer wieder entzückt, wie fein Pflanzen aufeinander reagieren, immer wieder hat sie erstaunliche Geschichten parat, wie beispielsweise diejenige der „Drei Schwestern“: Genau untersucht und beschreibt sie, wie Mais, Bohnen und Kürbis nicht etwa konkurrieren, sondern kooperieren und bessere Erträge bringen, wenn man sie beieinander, statt getrennt voneinander anbaut. Und die damit diese Botschaft für uns bereithalten:


„Respektiert einander, stützt einander, bringt der Welt euer Geschenk dar und erhaltet die Geschenke der anderen, dann gibt es genug für alle.“

Kimmerers zentrale Erzählung ist aber, dass nicht nur die Pflanzen untereinander, sondern dass vor allem das Land und die Menschen eine tiefe Verbindung haben, und dass sie füreinander sorgen. In dieser Erzählung sieht sie die Chance, dass wir uns eine andere Beziehung vorstellen zwischen Mensch und Natur, eine Beziehung, in der Mensch und Land füreinander Medizin sind.

So hat eine ihrer Botanik-Studentinnen beispielsweise etwas Erstaunliches nachgewiesen: Süßgras wächst nicht etwa dort am besten, wo man es sich selbst überlässt, sondern dort, wo es maßvoll geerntet wird. Für das Süßgras gehört der Mensch zum System, ist sogar ein notwendiger Teil davon. Immer wieder weist Kimmerer diese Wechselbeziehungen nach.


„Wir sind einem Bündnis der Reziprozität verpflichtet, einen Pakt gegenseitiger Verantwortung, um die zu stützen, die uns stützen.“

Ob sie von der Großzügigkeit und Süße der Scharlach-Erdbeeren der Kindheit berichtet, vom Rat der Pekannüsse, oder vom Geräusch von Regentropfen, auf fast magische und beiläufige Weise flechten sich in ihre Erzählungen tiefe, oft erstaunliche und überraschende Weisheiten hinein, die dazu angetan sind, uns neue Blicke auf unser Verhältnis zur Natur zu schenken. Und kaum eine kann so begeistert, so liebevoll, so kenntnisreich und so zärtlich von der Schönheit und Weisheit der Pflanzen und Natur erzählen wie die Botanikerin mit den indigenen Wurzeln.


Kimmerers Buch ist ein radikales Buch, es geht an die Wurzeln unseres Weltbilds und bietet stattdessen eines voller Sanftheit, Warmherzigkeit und gegenseitiger Verantwortung an.


Was bleibt für uns zu tun? Lauschen wir den Geschichten, die unser Land uns erzählt. Wie gerne wäre ich eine Geschichtenerzählerin, die unsere Verbindung zur Welt erneuert, die neue Tore des Denkens, Fühlens und Handelns öffnet. Eine Geschichtenerzählerin, die von der Verbindung zwischen der Natur und den Menschen und einer tiefen gegenseitigen Liebe erzählt. Eine Geschichtenerzählerin, die mit Dankbarkeit auf die sie umgebende Fülle blickt und dadurch nährende und heilende Geschichten erzählt. Ich werde mein Bestes tun.



Robin Wall Kimmerer, Geflochtenes Süßgras, Aufbau Verlag Berlin, 2021, 24,- €

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